Transkriptum_tanford 2017.txt

Charles Tanford erlangte ab Mitte des 20. Jahrhunderts grundlegende Erkenntnisse über die räumliche Struktur von Proteinen, im besonderen über derenvon ihm so bezeichnete Faltung. Analog zu seinen Forschungsergebnissen formuliert sich die Skulptur „Transkriptum“ nach einer Systematik, die auf Tanfords Text „Nature´s robots – A history of proteins“ basiert und einen Textausschnitt selbst einer Transkription unterzieht. In der Genetik versteht man unter „Transkription“ das Ablesen eines Gens und dessen Vervielfältigung als RNA-Molekül: Ein spezifischer DNA-Abschnitt dient als Vorlage zur Synthese eines neuen RNA-Strangs. Bei diesem Vorgang sind die Nukleinbasen der DNA (A-T-G-C) grundlegende Informationsträger.

Der Algorithmus der Arbeit „Transkriptum“ entsteht nun folgendermaßen: Aus Tanfords Text werden alle Zeichen entfernt, die nicht der gängigen Bezeichnung der Nukleinbasen der DNA (A-T-G-C) entsprechen. Die so erlangte Zeichenfolge dient dann als Code für die Entfaltung der Skulptur. Aus einer transkribierten Buchstabenfolge wird so ein scheinbar wissenschaftliches Modell. Dieses Verfahren hat eine konzeptionelle Verschiebung der Semantik zur Folge: Beziehungen zwischen den Zeichen und deren Bedeutungen werden neu formuliert. Die Systematik des Algorithmus fungiert weiterhin als eindeutige Handlungsanweisung, Sprache indessen wird hier in plastische Kunst übersetzt.

Hier nun bringt die wissenschaftliche Herangehensweise selbst Kunst hervor: Aus Tanfords Text ergibt sich auf einer Metaebene das Abbild einer räumlichen Ausformulierung eines Gedankens. Die Überschreibung in einen skulpturalen Prozess bringt die innere Poesie von Sprache in Erscheinung. Losgelöst von Zielgerichtetheit bewegt sich das Kunstwerk in den Raum eines selbstreferenziellen Systems höchster Autonomie – dem Wesenskern der freien Kunst. Schönheit erscheint in der Option, in der Komplexität der Buchstabenfolge eine innewohnende, eigene Gesetzmäßigkeit erspüren zu können.

Gedanklich kreist die künstlerische Arbeit somit um die grundsätzliche Frage der Freiheit des Neuen, um die riesigen Freiräume des Möglichen, die am Anfang jeder wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Erforschung der Wirklichkeit stehen. Seit jeher schafft sich der Mensch mittels abstrahierter Modelle die Möglichkeit, Gedachtes sichtbar und damit Komplexes begreifbar zu machen. Dieser Methodik einer primär basalen Herangehensweise bedient sich auch die Kunst. So zeigt „Transkriptum“ die schwebende Struktur eines manifestierten Gedankens.