waveSensor 4.2

Mit Hilfe eines Neigungssensors, der in eine Glaskugel montiert auf dem Lac de Neuchâtel schwimmt, werden die Bewegungen der Wasseroberfläche aufgezeichnet. Die Neigungswinkel der Wellen werden von einem Computer zu einer Datenliste weiterverarbeitet und dienen einer Zeichenmaschine als Grundlage für ihre Aufzeichnungen. Die Ausgabe erfolgt in pigmentierter Zeichentusche auf Papier.

Es ist der See selbst, welcher zum Produzenten seiner eigenen Darstellung wird. Die Wellenbewegung wird zur Notation – zu einer Notenschrift, welche die Natur selbst aufschreibt. Wie in den graphischen Methoden der Physiologie am Ende des 19. Jahrhunderts wird hier die Linie zum Aufschreibesystem von äußeren Bewegungsabläufen, Impulsen und Kräften. Die so entstehenden Zeichensysteme erinnern an kartographische Luftaufnamen, und obwohl sie direkte Aufzeichnungen eines physikalischen Prozesses sind, entziehen sie sich in Folge mehrfacher Interpolationen der direkten Lesbarkeit und nähern sich in ihrer ästhetischen Erscheinung einer abstrahierten Gedankenwelt.

Die Idealität einer spezifischen Erscheinung von Landschaft wird hier nicht als abstraktes Bild von Natur vom Standpunkt des Ufers aus betrachtet. Vielmehr findet der Prozess der Aufzeichnung in einem Moment der Instabilität und Bewegung direkt auf dem Wasser statt.

Es folgt der Transfer: vom Flüchtigen ins sichtbar Greifbare der Zeichnung. Die apparative Sichtbarmachung des Ungreifbaren rückt das Verfahren in die Nähe der Photographie.

Natur zeichnet ein Modell von Vergangenheit und Zukunft als Bedingung von Dasein in der Zeitlichkeit. Eingefroren in einer überschaubaren Momenthaftigkeit gibt die Zeichnung eine Ahnung von Zeitenfülle („Kairos“, καιρός) – „von etwas her zu etwas hin“: Die Zeitachse als flüchtiges Moment, welches die beispielhafte Ausschnitthaftigkeit des Daseins thematisiert. Bewußtsein setzt Zeitbewußtsein voraus.

Heutige Zeitvorstellungen werden in erster Linie vom Begriff des „Chronos“ (Χρόνος) bestimmt. Im Gegensatz zum Chronographen, mit dessen Hilfe die Zeit in messbare Intervalle aufgeteilt wird und somit die Quantität der Zeit beschreibt, beschäftigt sich in der griechischen Mythologie der Zeitbegriff „Kairos“ mit der Qualität der Zeit, was in christlich-abendländischer Tradition Zeitenfülle, auch Wendezeit, in der Existenzphilosophie hingegen das Gewahrwerden des günstigen Augenblicks meint. Um den „richtigen“ Zeitpunkt als fruchtbares Moment zu erfassen, gab es in verschiedenen Kulturen unterschiedlichste Methoden, dieser Idee nachzuspüren. So wurde beispielsweise der Vogelflug und der Sternenhimmel betrachtet oder mit Knochen gewürfelt, um Aussagen über die Qualität der aktuellen Zeit zu finden.

Die Arbeit „wave_Sensor 2.1“ bildet den vermeintlich wissenschaftlichen Versuch ab, die Qualität der Zeit anhand der Bewegungen der Wellen sichtbar zu machen.

Thomas Henninger, wave_sensor 2.1, 22. November 2015, WhiteSpaceBlackBox, Route des Falaises 96, CH 2000 Neuchâtel – Switzerland