Lac de Neuchâtel / Switzerland

wave_Sensor 4.2 Tusche auf Papier Lac de Neuchâtel / Switzerland 2016

A tilt sensor which floats in a glass ball on the Lac Neuchâtel records the movements of the surface of the water. A computer reprocesses the tilt of the waves into a data list which is then used by a drawing machine as the basis for its recordings. The output consists of pigmented drawing ink on paper.

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wave_Sensor 4.2

It is the lake itself which becomes the producer of its own representation. The movement of the waves becomes notation – a form of handwriting written by nature itself. Similar to the graphic methods of physiology at the end of the 19th century, here the line becomes a system of inscription for external processes of movement, impulses and forces. Systems of drawing that emerge this way call to mind cartographic aerial photography images, which, despite being direct recordings of physical processes, deprive themselves of direct readability as a result of multiple interpolations. Consequently, their aesthetic appearance tends more towards an abstract cognitive realm.

The specific appearance of a landscape-ideal is not understood here as an abstract image of nature observed from a distant shore. Rather, the recording process takes place in a moment of instability and movement directly on the water. A transfer results: from transient into the visible tangibility of the drawing. The visualisation of the intangible through an apparatus moves this technique towards the domain of photography.

Nature documents the idea of past and present as a condition of existence in temporality. Frozen in a seizable moment, the drawing gives a sense of the abundance of time (‘Kairos’, καιρός) –‘from something here to something there’: the axis of time as a fleeting moment which focuses on the fragmented character of existence. Consciousness presupposes an awareness of time.

Today’s understanding of time is primarily influenced by the term ‘Chronos’ (Χρόνος). In contrast to the chronograph, which separates time into measurable intervals and as such describes the quantity of time, the concept of time in Greek mythology ‘Kairos’ deals with the quality of time. In the Western-Christian tradition this finds parallels in the notions of the ‘abundance of time’ or the ‘turning point’, whereas in existential philosophy it relates to recognition of the opportune moment. In order to grasp the ‘right’ time point as a fruitful moment, there have been divergent methods of tracing this idea in various cultures. Thus, for example, people have watched the flight of birds and star-filled skies, or they have thrown bones to discover the quality of the current time.

The work ‘wave sensor 2.1’ represents a quasi-scientific attempt to make the quality of time visible by means of the movements of the waves.

Thomas Henninger, wave_sensor 2.1, 22. November 2015, WhiteSpaceBlackBox, Route des Falaises 96, CH 2000 Neuchâtel – Switzerland

 

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Die Fröhliche Wissenschaft_txt

„Der Intellect ist bei den Allermeisten eine schwerfällige, finstere und knarrende Maschine, welche übel in Gang zu bringen ist […] Die liebliche Bestie Mensch verliert jedesmal, wie es scheint, die gute Laune, wenn sie gut denkt; sie wird ‚ernst’! Und ‚wo Lachen und Fröhlichkeit ist, da taugt das Denken Nichts’: — so lautet das Vorurtheil dieser ernsten Bestie gegen alle ‚fröhliche Wissenschaft’. — Wohlan! Zeigen wir, dass es ein Vorurtheil ist!“ (Nietzsche „Die Fröhliche Wissenschaft“)

Wie viele Bilder kann das menschliche Auge pro Sekunde wahrnehmen? Es sind etwa 60 bis 65. Doch nur ein Bruchteil davon wird überhaupt im Gehirn abgespeichert. Die menschliche Wahrnehmung ist begrenzt, die Fähigkeit, Wissen abzuspeichern, noch viel mehr. Und vergessen ist notwendig, wenn wir verstehen wollen.

Das alles sehen wir auch in der Arbeit „Die Fröhliche Wissenschaft“. Auf einer begrenzten Fläche erscheint das Wissen der Welt für einen begrenzten Zeitraum und verschwindet wieder. Alles ist im Fluss. Wir sehen im einen Moment: Einen Ikosaeder, den Grundriss der Kathedrale von Chartres und die Skizze einer Microarray-Vorrichtung, das kleine Quadrat und die Schraubenlinie von Dürer. Im nächsten: Einen DNAStrang, die Patentzeichnung für einen Aids-Impfstoff und ein Notenblatt von Bach. Das sind Ausschnitte enzyklopädischen Wissens. In Kreidebildern erscheinen auf der Wand füllenden Tafel Tausende Diagramme, Patentzeichnungen, historische Tafelbilder und Skizzen. Es ist ein Überblick über das Wissen der vergangenen Jahrhunderte, das unsere Kultur geprägt hat.

Wissen erneuert sich. Ein Wissensstand wird durch neue Erkenntnisse berichtigt oder sogar revidiert. Eine These gilt so lange, bis sie widerlegt ist. Wissen geht verloren. Weil wir schlichtweg vergessen oder weil wir alte Gewissheiten wegen neuer Erkenntnisse als absurd oder ketzerisch verwerfen. Schwamm drüber! In diesem Sinne wischt in der Installation ein Schwamm Teile des Geschriebenen weg. Es verändert sich damit das Aussehen und der Inhalt des sichtbaren Wissens. Raum für Neues entsteht. Die Welt ist Konstruktion. Schreiben und Löschen ist ein dialektisches Prinzip. So wie aus der Gegenüberstellung von These und Antithese eine neue Lösung oder ein neues Verständnis in Form der Synthese entsteht. So entwickelt sich auch das Tafelbild zu einer Synergie von Kunst und Wissenschaft. Das Fortschreiben der wissenschaftlichen Ergebnisse auf der Tafel macht die ästhetische Bildwerdung erst möglich.

Umgekehrt bietet die künstlerische Willkürlichkeit in der Anordnung und die Fragmentarisierung der Zeichnungen

Raum für ungewöhnliche, avantgardistische Gedankengänge. Es entstehen Freiflächen für neue Gedanken mit neuen Bildern, neuen graphischen Strukturen, durch die neue Erkenntnis entsteht. Vielleicht zufällig, wie Zufallsfunde in der Wissenschaft. Es bleiben aber auch verwischte Fragmente, die uns ratlos zurücklassen. Kunst und Wissenschaft brauchen einander. Die Leichtigkeit des einen beflügelt die Tragweite des anderen. „Wir müssen zeitweilig von uns ausruhen, dadurch, dass wir auf uns hin und hinab sehen und, aus einer künstlerischen Ferne her, über uns lachen oder über uns weinen; wir müssen den Helden und ebenso den Narren entdecken, der in unsrer Leidenschaft der Erkenntniss steckt, wir müssen unsrer Thorheit ab und zu froh werden, um unsrer Weisheit froh bleiben zu können!“ (Nietzsche aus dem Aphorismus Nr. 107 „Unsere letzte Dankbarkeit gegen die Kunst“, in „Die Fröhliche Wissenschaft“) Die Maschine ist mit über 1000 Vektorgrafiken gespeist, die einen Überblick über das Wissen und die wichtigsten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte bieten soll. Dabei werden Quellen verwendet, die nicht urheberrechtlich geschützt sind: Patente, Zeichnungen und Skizzen, im Internet veröffentlichte Tafelbilder aus Schule und Studium… Kurz: Die Installation nährt sich aus den Errungenschaften der „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“. Die dort formulierten Open-Access-Strategien leiten eine digitale Demokratisierung des Wissens ein, die zur eigentlichen Triebfeder des wissenschaftlichen Fortschritts in der globalen Wissensgesellschaft werden.

Die Arbeit „Die fröhliche Wissenschaft“ treibt die digitale Demokratisierung des Wissens noch über das Inhaltliche hinaus: Die Maschine wird gesteuert über einen Arduino-Microcontroler und einen Raspberry Pi-Minicomputer. Beide entstammen einer Open Source-Umgebung

„Frei — sei unsre Kunst geheissen, Fröhlich — unsre Wissenschaft!“ (Nietzsche)

Text: Ulrike Garvert